Es ist unglaublich wie wiedermal ein kleines Erlebnis mein ganzes Denken auf den Kopf gestellt hat. Eine Sache die es irgendwie wieder geschafft hat alles aus dem Ruder zu bringen.
"Viel zu früh !" dachte ich und schaute auf die traurigen Gesichter meiner Verwandten. "Ich wusste doch das es von Anfang an klar war. Wieso nimmt es mich dann trotzdem so mit ?"
Ich schloss die Augen. Das konnte ich kaum noch ertragen. Darum habe ich etwas gegen Beerdigungen. Sie machen alles nur noch schlimmer.
Viel zu oft hatte der Pfarrer betont das sie von uns gegangen ist. Eine Beerdigung ist in etwa so als ob man die Wunde aufreist, nur um sie sich nochmal anzusehen. Aber das ist nur meine Ansicht.
Ich öffnete die Augen und sah zu wie die ersten Angehörigen begannen Erde und teilweise auch Blumen in das offene Grab zu werfen. Jeder einzelne hatte einen anderen Gesichtsausdruck, doch im Grunde alle aus dem selben Grund. Lea.
Die Reihe schritt fort. Gleich würde ich an die Reihe kommen. Fast schon verzweifelt ging ich in Gedanken durch was ich sagen, was ich tun sollte.
Ich weis in solchen Situationen nie was ich tun soll. Meistens entschließe ich mich dann, einfach garnichts zu tun, da alles das ich tun könnte, wahrscheinlich nur falsch verstanden werden würde. Im Nachhinein heisst es dann oft wie kaltherzig und kein bisschen rücksichtsvoll das gewesen wäre. Aber ich versuche es mir nicht zu Herzen zu nehmen.
Nur noch zwei Leute standen vor mir in der Schlange. Langsam wurde mir heiss und kalt. Gleich würde ich an der Reihe sein. Würde ich einen Fehler machen ? Irgendetwas dummes ?
Ich lege mir gern in meinem Kopf Worte zurecht die ich in einer bestimmten Situation sagen will. Doch meistens wird daraus dann doch nichts.
In diesem Fall fiel es mir schwer. Ich kannte sie kaum. Ich hatte sie nur 1 mal, vielleicht 2 mal gesehen.
Ich bekam Schuldgefühle. Mein ganzes Inneres zog sich zusammen. Hatte ich etwas falsch gemacht ? Hätte ich mich mehr mit ihr beschäftigen müssen ?
Was hätte ich für sie tun können ? Was konnte ich jetzt noch für sie tun ?
Zwischen mir und dem Grab war nur noch eine Person. Meine Mutter, die schon die ganze Zeremonie lang versuchte nicht zu sehr zu weinen, nahm erstaunlich gefasst eine Hand voll Erde.
Ja, was konnte ich jetzt noch für sie tun ?
Ich hatte mich zusammengerissen. Ich war in der Andacht vor ihrer Beisetzung selbst von mir erstaunt gewesen.
Ohne blasphemisch klingen zu wollen, aber ich glaube nicht an Gott. Ich halte es für möglich, sogar für recht realistisch das es da etwas gibt. Aber etwas das soweit von unserer Vorstellungskraft liegt, das wir es nie verstehen werden. Diese Personifizierung einer höheren Macht fand ich schon eine Weile unerträglich. Die Kirche spricht sich oft gegen Sekten und andere Kulte aus, aber in meinen Augen ist sie selbst nichts anderes.
Was sollte es einer höheren Macht bringen, wenn irgendwo auf der Erde eine Gruppe Menschen monoton einen von vielen Versen herunterleiern ?
Außerdem finde ich vieles an den Religionen einfach nur empörend. Fast immer gibt es Bedingungen. Regeln und Gebote. "Wenn du das tust, wird dir dies wiederfahren".
Natürlich kann ich verstehen das sich viele Menschen an ihren Glauben stützen und ich finde es auch gut, wenn man erkannt hat das es das richtige für einen ist.
Doch für mich ist das alles nichts. Ich kann den Gedanken nicht ertragen von etwas abhängig zu sein.
Meine Mutter trat vom Grab zurück. Ich wusste jetzt war ich an der Reihe. Mit langsamen Schritten ging ich auf das Grab zu.
Ich hatte alles getan was ich jetzt, wo es zu spät war, noch für sie tun konnte. Ich hatte mich der Andacht voll und ganz gewidmet. Auch wenn ich es sonst für totalen Unfug hielt, hatte ich mit vollem Herzen daran teilgenommen. Ich glaubte was der Pfarrer erzählte. "Gott hat ihre Seele zu sich gerufen".
Ich habe zum ersten mal seit einer Ewigkeit wirklich gebetet. Gebetet das es dort etwas gibt. Etwas, wo sie es gut hätte. Irgendetwas. Nur um beruhigt zu sein das es ihr, dort wo sie jetzt war, gut ginge. mehr konnte ich wirklich nicht mehr für sie tun.
Ich stellte mich mit einem tiefen Stechen in der Brust vor das Grab. Nun realisierte auch mein Körper was geschehen war. Ich nahm ein wenig Erde in meine Hand und Streute sie in das offene Grab.
Nach und nach schossen mir wieder die Bilder in den Kopf. Der lange Zug aus Menschen die den Sarg zum Grab begleiteten. Das traurige Gesicht meiner Mutter, die sich unter Tränen in meinen Arm krallte. Die Tränen in den Augen von Leas Eltern. Bilder die ich wohl nie werde vergessen können.
Doch so sehr mich all dies auch mitnimmt. Ich weis, Trauer ist wichtig. Wie sonst sollte man all die schlechten Ereignisse verarbeiten die einem tagtäglich wiederfahren können !?
Mir blieb nur zu Hoffen das sich niemand zu sehr in die Trauer hineinsteigert und daran zerbricht.
Alles verlief vor meinen Augen wie in Zeitlupe. Jedes einzelne Sandkorn schien eine Ewigkeit zu fallen. Ich sprach nicht, doch ging in Gedanken die Worte durch, die ich mir bereitgelegt hatte.
"Liebe Lea, du hattest so wenig Zeit. Mit dir vergehen zu viele Möglichkeiten, zu viel Hoffnung und zu viele Träume. Sie alle hätten gelebt werden sollen. Ich hoffe nur, das du sie da, wo du nun bist verwirklichen kannst. Und hoffentlich wird es schön. Du hast es verdient."
Mir wurde heute wieder bewusst wie besonders das Leben ist.
Ständig sterben überall auf der Welt Menschen, doch es scheint keiner so wirklich zu realisieren. Ist ein Leben nicht eigentlich zu kostbar, um einfach so dahinzugehen ? Ist nicht jedes einzelne Leben und sei es noch so klein kostbar ? Müsste man nicht jedes einzelne Leben mehr respektieren und schätzen ?
Natürlich müsste man. Aber würde man das tun, würde man sich wahrscheinlich selbst töten, um kein anderes Leben in Gefahr zu bringen. Es würde einen mindestens innerlich zerbrechen. Darum sollte es keinem geraten sein.
Ich kniete nieder und legte meine Blume neben das Grab, zu den anderen prächtigen Blumensträußen, die am Rand des Grabes zu Hauf lagen.
Ich erhob mich, drehte mich um und schritt langsam davon. Davon von Leas Grab.
Lea, die mit offenem Rücken geboren und so von Anfang an zum Tode verdammt war.
Lea, die grade mal knappe zwei Monate alt war.
Lea, meine Cousine, die ich nie kannte und nun auch nie kennen werde.
Dies ist geschrieben im Andenken an dich.
Zumindest solange ich lebe, wirst du nie vergessen sein.
KONNTE NICHT AUFHÖREN ZU LESEN... bemerkenswerte worte, die du dann doch rausbekommen hast...
AntwortenLöschentraurige geschichte ((/wahrheit))
unfassbar, dass du dass bist
Es hat mich total mitgenommen !
AntwortenLöschenDu hast nur kurz von der Beerdigung erzählt aber wolltest auch nicht weiter drauf eingehen...aber dieser Text ist echt sehr gut geworden und ich konnte mich so sehr in deine Lage hineinversetzten !
ich hoffe, dass es dich nciht zu sehr belastet !<3
Ich verstehe nicht warum alle meinen das mein Blog so besser sei als deiner... Ich rätsel deswegen schon lange, jedoch bleibt mir keine Antwort dazu. Ich muss sagen das mich das hier mehr berührt hat als alles was bisher gelesen habe und naja ich denke ich könnte sowas nie zu Stande bringen...
AntwortenLöschenWir sehen uns
Ich denke,jeder kann sich in diese Situation hinein versetzen,da jeder schon einmal jemanden verloren hat,der ihm sehr wichtig ist/war!
AntwortenLöschen& Obwohl du sie nicht kanntest,hast du es sooo...wie soll man sagen...mhh..so...geschrieben,als hättest du sie gekannt.
Ich denke,sie wäre glücklich darüber :).
* entschuldige , so geschrieben als hättest du sie besser gekannt oder öfters gesehen!
AntwortenLöschendanke mein schatz fürs worte die ich nicht mehr finde- du bist ein engel. in meinem wandbild-im heissluftballon sitzt bluberry- meine kleine lea- und schaut auf uns zurück wärend sie dem horizont entgegenfliegt- das ist meine trauer-jeden tag....
AntwortenLöschendeine tante jennyfee